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Und der Zauber wirkt

»Das Schmuckbedürfnis ist beim Menschen uralt«, hieß es im Volks-Brockhaus von 1966. Wie alt, darüber wären die Autoren des Lexikoneintrags wohl selbst erstaunt gewesen. Mittlerweile berichten Archäologen von Schmuckfunden mit einem Alter von etwa 100 000 Jahren. Damit sind sie dreimal so alt wie die ältesten Kunstwerke – Höhlenmalereien oder Statuetten –, die uns überliefert sind. Von prähistorischen Zeiten bis in die Gegenwart, so scheint es, spielt Schmuck eine zentrale Rolle im Leben der Menschen. Bereits das ist ziemlich bemerkenswert.

Noch bemerkenswerter ist freilich die Tatsache, dass wir über Zeiten und Räume hinweg zu Schmuckstücken einen spontanen Zugang finden. Mag uns die Kultur, aus der sie stammen, noch so fremd sein – ihre Ringe, Ketten oder Armreife entfalten eine exotische, bisweilen aber auch erstaunlich zeitgemäße Faszination.

Es ist, als sei der Schmuck eine universale Sprache der Menschheit. Den Schmuckherstellern kam das seit jeher zupass. So fertigte der Goldschmied Fortunato Pio Castellani zusammen mit seinen beiden Söhnen Alessandro und Augusto um 1860 exakte Kopien des römischen Schmucks, der um eben diese Zeit in Vulci, Chiusi und Kol-Oba ausgegraben wurde. Der Erfolg war überwältigend und rief unzählige Nachahmer auf den Plan. Binnen weniger Jahre überschwemmten Schmuckstücke im römischen Stil ganz Europa, wobei die Vorbilder vielfach variiert, modifiziert und an regionale Traditionen angepasst wurden. Freilich dürften nur wenige Trägerinnen diese Vorgeschichte und den historischen Ursprung ihres Schmucks gekannt haben.

Und das war nicht die einzige Welle dieser Art. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte sich das romantische Lebensgefühl von Schmuckformen des Mittelalters und der Renaissance inspirieren lassen, und im Zuge der politischen Restauration war ab ca. 1830 plötzlich wieder der Barock- und Rokoko-Schmuck des 18. Jahrhunderts en vogue.

Über die Gründe für die kulturübergreifende Faszination des Schmucks wissen wir ungefähr so viel wie über das Schmuckbedürfnis überhaupt – nämlich wenig,und das Wenige, was wir zu wissen glauben, beruht auch nur auf Spekulation.

An der Evolutionstheorie geschulte Ethnologen und Verhaltensforscher verweisen an dieser Stelle gern auf den Pfau und sein Rad, womit er weibliche Artgenossen beeindruckt. Sexuelle Zuchtwahl heißt das in der Sprache der Biologen; und natürlich ist auch bei der menschlichen Lust am Schmuck die sexuelle und erotische Komponente mit im Spiel. Dennoch hinkt der Vergleich – allein schon deshalb, weil der Schmuck, den Menschen am Körper tragen, nicht wie das Gefieder des Pfaus zu ihrer natürlichen Ausstattung gehört, sondern von ihnen selbst gefertigt werden muss. Und die Phantasie und Kreativität, die sie dabei an den Tag legen, reicht weit über die Sphäre der Erotik hinaus.

Da gibt es Talismane, die Glück bringen, und Amulette, die vor Unglück schützen sollen – da bezeichnen Schmuckstücke die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder einer Glaubensrichtung – da dienen sie dazu, den gesellschaftlichen Status ihrer Trägerinnen oder Träger zu signalisieren oder Einzelne für ihre Leistungen auszuzeichnen: Man denke an Orden und Medaillen. Die Krone oder die Amtskette wiederum verweisen auf die Rolle, Funktion und Bedeutung ihres Trägers, und auch bei der Markierung der militärischen Rangordnung kommen Schmuckelemente zum Einsatz.

Die Aufzählung ließe sich unschwer verlängern. Gerade als universelle Sprache der Menschheit ist der Schmuck imstande, eine Unzahl individueller Geschichten zu erzählen, die einander auf vielfältigste Weise überlagern können. Die wichtigste aller Geschichten aber ist für den Einzelnen stets die eigene. Schmuck ist ein Teil des persönlichen Lebens. Die wertvollsten Stücke sind die, die sich mit einzigartigen Ereignissen verbinden und unwiederholbare Momente der Freude und des Glücks bewahren. Schmuck transzendiert die Flüchtigkeit des Hier und Jetzt und verleiht dem, was wirklich zählt, bleibenden Ausdruck – sogar über das eigene Leben hinaus.

Und die Transzendenz bringt uns zur religiösen, kosmischen oder spirituellen Dimension des Schmucks, die eine Konstante seiner Geschichte darstellt. Das eindrucksvollste Beispiel dafür auf den folgenden Seiten sind die Ohrringe in Gestalt des Ouroboros – der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beisst. Das ist ein uraltes Symbol für den ewigen Kreislauf aller Dinge und für die Einheit von Mikro- und Makrokosmos, aus der der Mensch herausfällt, wenn er sich selbstherrlich der Schöpfung gegenüberstellt. In seiner Fähigkeit, das Individuelle mit dem Über-Individuellen, das Persönliche mit dem Kosmischen zu verbinden, liegt ein Geheimnis der zeitlosen Faszinationskraft des Schmucks.

Können wir damit heute noch etwas anfangen – oder halten wir es für Firlefanz und esoterischen Aberglauben? Die beste Antwort darauf hat der Physiker Werner Heisenberg gegeben, als sein Kollege Werner Schrödinger ihn fragte, ob er an die glücksbringende Kraft des Hufeisens glaube, die den Besucher an der Tür zu seinem Sommerhäuschens begrüßte. »Natürlich nicht, wo denken Sie hin«, erwiderte Heisenberg. »Aber vielleicht wirkt es auch, wenn man nicht daran glaubt.« Was den Schmuck betrifft, müsste man die Antwort leicht modifizieren: Sein Zauber wirkt – und zwar umso mehr, je stärker man daran glaubt.

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