2 von 2

Das Widerspiel der Zukunft

Von allen Elementen der Tracht sind Gürtel die beredtesten. Sie sprechen über Gott und die Welt und was sonst noch zwischen Himmel und Erde das Staunen von uns Normalsterblichen erregt. Im Mittelpunkt ihres Mitteilungsdrangs steht häufig – begreiflich, wenn man ihre Rolle und Funktion bedenkt – der Mensch, den sie gürten. Ein Monogramm, ein Wappen oder ein Namensschriftzug fehlt selten. Doch dabei bleibt es nicht. Womit sie darüber hinaus unsere Aufmerksamkeit fesseln, reicht von prägnanten piktographischen Hinweisen auf den Beruf – Bauer, Schmied, Metzger, Müller, Floßmeister, Hammerherr usw. – bis hin zu magischen Beschwörungsformeln, alchemistischen Zeichen oder ganzen Bildgeschichten, die Comics oder Mangas einer viel späteren Zeit vorwegnehmen. Auch das Motiv des Eros und der (männlichen) Potenz fehlt nicht auf den Trachtengürteln; nichts Menschliches ist ihnen fremd, wenngleich sie dem Menschlichen, sofern mit dem Eros auch das Schamgefühl ins Spiel kommt, fast immer eine tierische Gestalt geben, etwa in Form von springenden Hirschen. »Löwe und Hirsch gemeinsam ist das oft in roter Farbe deutlich abgesetzte Geschlechtsteil. Ob es sich dabei um reine Konvention oder eindeutig zur Schau getragene maskuline Potenz handelt – oder womöglich beides –, bleibt damals wie heute dem Urteil der Betrachter überlassen.«
(Das Buch der Gürtel, S. 14)

So groß ist der erzählerische Reichtum der Gürtel, so unerschöpflich ihr bildlicher Kosmos, dass selbst ein Standardwerk von so enzyklopädischem Anspruch und grenzensprengendem Format wie Das Buch der Gürtel bestenfalls einen Ariadnefaden fürs Labyrinth liefert – und das ist schon eine ganze Menge. Wie die Vergangenheit durch die Gürtel zu uns spricht, ist also gar nicht die Frage. Böse Zungen könnten sich eher über deren übergroße Schwatzhaftigkeit beschweren, und in manchen Fällen hätten sie recht.

Die weiteren Bestandteile der Tracht – Kleidungsstücke, Schmuck, Accessoires – trifft dieser Vorwurf nicht. Sie sind so zurückhaltend wie schweigsam. Mehr als ein Monogramm ist auf einem Pfoad oder einem Dirndl kaum je zu finden – und was haben uns ein paar Anfangsbuchstaben zu sagen, wenn wir den Menschen nicht kennen, zu dem sie gehören oder gehört haben. Doch hüten wir uns vor vorschnellen Schlüssen. Wer schweigt, ist nicht stumm oder sprachlos. In Wirklichkeit sind alle Elemente der Tracht mit einer ähnlichen Vielzahl von Bedeutungen verflochten und ebenso mit Sinn aufgeladen wie die Gürtel. Sie haben es nur nicht nötig, ihre Botschaft auf der Zunge zu tragen. Wir verstehen sie auch so.

Wie klar uns die Tracht ihre Botschaft vermittelt und auch ohne Worte zu uns spricht, zeigt sich besonders deutlich da, wo eine solche Botschaft fehlt. Denken wir etwa an prähistorische Werkzeuge, Waffen oder Gebrauchsgegenstände, wie wir sie aus Büchern, Museen oder Ausstellungen kennen. Ohne zusätzliche Erläuterungen bleiben sie stumm. Fachkundige Erklärungen wiederum mögen zwar das Verständnis vertiefen, doch ohne das Gefühl der Fremdheit zu beseitigen. Die Artefakte beeindrucken uns, aber sie berühren uns nicht.

Ganz anders beispielsweise Höhlenmalereien aus derselben Epoche. Sie ziehen uns in ihren Bann und sprechen zu uns. Wir blicken sie an, und sie blicken zurück. Was wir nicht verstehen, nehmen wir als Rätsel, das sich zu ergründen lohnt. Es ist, als träte uns mit den Werken gleichzeitig deren Schöpfer entgegen. Dieser Eindruck wird bekräftigt durch die negativ gehaltenen, von Pigmenten umgebenen Handabdrücke, die wie eine Signatur und ein Ausweis ihrer Authentizität überall auf der Welt die prähistorischen Malereien begleiten. Über die Jahrtausende hinweg begegnen uns die unbekannten Künstler im Hier und Jetzt einer zeitlosen Gegenwart. Deshalb fühlten sich so viele ihrer modernen und zeitgenössischen Künstlerkollegen gedrängt, spontan auf sie zu antworten. Handelt es sich um eine Art von Seelenverwandtschaft? Wenn ja, dann gründet sie in dem tiefverwurzelten menschlichen Bedürfnis, sich auszudrücken und mitzuteilen, in Worten und Bildern, Ritualen, Gesängen oder Tänzen unser Verhältnis zur Welt und zu anderen Menschen, zum Leben und zum Tod, zum Diesseits und zum Jenseits zu gestalten. Es ist nicht die Vergangenheit, die zu uns spricht – es sind die Menschen, die durch ihre Schöpfungen der Vergänglichkeit trotzen, die Vergangenheit zur Gegenwart machen und vielleicht auch zu einem Unterpfand der Zukunft.

Literarische Zeugnisse, Beschreibungen, Zeitschriften, fliegende Blätter, Illustrationen, Photographien – auch die Tracht ist nicht zu trennen von der geistigen Welt, zu der sie gehört und in der sie ihren Ausdruck findet. Ihre Botschaft besteht zu einem guten Teil aus den Vorstellungen, Wünschen, Träumen, Sehnsüchten, Idealen, Werten, Zuneigungen und Abneigungen, die sie in uns wachruft und die sich aus solchen historischen und zeitgenössischen Quellen nähren. Diese immateriellen Dimensionen sind ebenso real wie die Stücke, die wir am Leibe tragen. Deshalb bildet die einzigartige Sammlung von Dokumenten und Publikationen zur Tracht, die das Trachten-Informationszentrum zusammengetragen hat, nicht nur eine Ergänzung zur »eigentlichen« Geschichte der Tracht. Sie versammelt Stimmen, durch die die Tracht zu uns spricht und mit denen sie ihren Platz in der Geschichte und in der gegenwärtigen Welt markiert. Um das einleitende Beispiel noch einmal aufzugreifen: alte Bilder, Fotos und Geschichten verraten uns mehr über die Bedeutung, die die Dinge für die Menschen hatten als noch so beredte oder schwatzhafte Gürtel für sich allein.

Solche Dokumente zu sammeln und zu bewahren ist also sicher eine sinnvolle Aufgabe. Aber ist es auch genug? Oder haben wir nun unsererseits die Aufgabe und Verantwortung, die Kette der Überlieferung nicht abreißen zu lassen? Das Trachten- Informationszentrum bejaht diese Frage und beantwortet sie mit einem kleinen, aber breit gefächerten und ambitionierten Spektrum publizistischer Aktivitäten. Das beginnt damit, die Ergebnisse unser Sammeltätigkeit und wissenschaftlichen Arbeit zu dokumentieren und zu veröffentlichen. Setzt sich fort in groß angelegten Standardwerken etwa zur Tracht als Mode oder dem hier mehrfach erwähnten Buch der Gürtel. Und mündet schließlich in eine Reihe von Werken, die ebenso unkonventionelle wie aufschlussreiche Blicke auf die Tracht riskieren. Mehr dazu auf den folgenden Seiten.

Eine besondere Erwähnung in diesem Spektrum verdienen die Schnittmusterbücher und andere praxisnahe Publikationen. In einer Zeit, in der viele überlieferte Herstellungsverfahren gegenüber der Massenproduktion nicht mehr konkurrenzfähig sind, bewahren sie Techniken und Traditionen, die sonst auszusterben drohten, und überliefern diesen Wissensschatz der Nachwelt. Darin liegt ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit. Nicht im Sinne einer »Trachtenpolizei«, die griesgrämig über einen korrekten Umgang mit überlieferten Formen wacht. Sondern voller Neugier darauf, was die, die nach uns kommen, aus dem machen werden, was uns heute wichtig ist.

Mit den Worten des Dichters Jean Paul, die dem Buch der Gürtel als Motto voranstehen: »Das Buch eurer Vergangenheit, Menschen, ist nur ein Traumbuch, das das Widerspiel der Zukunft bedeutet.« Lassen wir uns überraschen.

2 von 2
2 von 2
Diese Website ermöglicht unverbindliche Produktanfragen an das TIZ; direkte Online-Käufe sind nicht möglich.
Wir verwenden Cookies, um Sie bei diesem und weiteren Besuchen unserer Webseite zu identifizieren.
Wenn Sie die Website weiter nutzen, erklären Sie sich damit einverstanden.
Mehr Informationen zum Bestellprozess Mehr Informationen zum Datenschutz