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Es muss wohl Liebe sein

Tracht und Mode – geht das überhaupt zusammen? Darf man die beiden in einem Atemzug nennen? Zwar hat sich der Begriff »Trachtenmode« eingebürgert, um ein zeitgemäßes, aktuelles und »modisches« Verständnis von Tracht abzugrenzen gegen eine verzopfte Traditionspflege und die vergangenheitsselige Nostalgie der Ewig-Gestrigen. Auch ist die Tracht selbst nicht immun dagegen, zum Objekt mehr oder weniger kurzlebiger Modeströmungen zu werden. Dass es heute beinahe schon Pflicht ist und jedenfalls zum guten Ton gehört, sich auf der Wiesn im zünftigen Trachtenlook sehen zu lassen, hätte sich noch vor zwanzig Jahren kaum jemand träumen lassen – und vielleicht werden wir es in zehn Jahren erneut zum Lachen finden. Dennoch und den genannten Gegenbeispielen zum Trotz: ein größerer Gegensatz als der zwischen Tracht und Mode ist fast nicht denkbar – jedenfalls dann, wenn man die landläufigen Vorstellungen zugrunde legt, die sich mit den Begriffen verbinden. Ausnahmen bestätigen bloß die Regel.

Mode – das ist der Inbegriff des Flüchtigen, Schnellebigen, Oberflächlichen. Auf sie ist nicht zu bauen, und sie bildet sich auch noch wunders was drauf ein. Wer auf Verlässlichkeit, Seriosität und Berechenbarkeit wert legt, wird folglich der Mode eher nicht über den Weg trauen – und diese wird das Misstrauen bestätigen: Sie hält aus Prinzip nicht, was sie gestern versprach. Ihr ganzer Ehrgeiz ist darauf ausgerichtet, die Welt stets aufs neue zu überraschen, zu bezaubern oder zu schockieren. Außerdem ist sie gefräßig und verleibt sich immer größere Bereiche der Wirklichkeit ein – nicht nur die Tracht. Modeerscheinungen, wohin man blickt. In einem angesehenen Wirtschaftsmagazin war erst kürzlich von Managementmoden zu lesen, Modekrankheiten kennt man schon länger, und auch im Bereich der Naturwissenschaften, dem Zeitgeistigen abhold und über jeden Zweifel erhaben, diskutieren seriöse Forscher den Zusammenhang zwischen Denkmoden und Erkenntnisgewinnen. Auf großen internationalen Messen präsentiert sich mittlerweile, bildhaft gesprochen, sogar die Kunst auf dem Laufsteg. Noch auffälliger aber ist etwas Anderes: im selben Maß, in dem die Mode immer weitere Bereiche der Welt usurpiert, scheint die Wirklichkeit selbst ihr entgegenzukommen – oder sogar mit ihr zu rivalisieren. Gemessen am gefühlten Tempo des technischen und gesellschaftlichen Wandels folgen die Defilees der Haute Couture in Paris, Mailand und New York mittlerweile einem nahezu gemütlichen Rhythmus. Das ist einerseits faszinierend – nie zuvor in der Geschichte hatten Menschen die Chance, in der Spanne eines einzigen Lebens so viel zu erleben. Andererseits aber auch beängstigend: der Geschwindigkeitsrausch erzeugt Schwindel und das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Viele hätten es gern ein wenig gemächlicher. Sie wünschen sich Zeit, innezuhalten, anzukommen, sich zu Hause zu fühlen. Und manchen unter ihnen erscheint die Tracht nicht nur als Gegensatz zur Mode, sondern als Gegengift gegen ihre Auswüchse. Da weiß man, woran man ist. Da haben die Dinge ihre Ordnung. Da ist ein Mann noch ein Mann, und eine Frau eine Frau. Da ist das, was gestern richtig war, auch morgen noch nicht falsch. Tracht – das ist ein Synonym für Heimat. Ist das nicht die Alternative zur modernen Hektik, nach der wir uns sehnen?

Wenn es denn so einfach wäre. In Wirklichkeit ist dieses Ideal der Tracht, das uns unsere Sehnsucht vorgaukelt, nur die Zwillingsgestalt oder der Schattenwurf des Unbehagens am Hamsterrad, in dem wir uns gefangen fühlen. Mit der historischen Wirklichkeit hat es wenig zu tun. Da, wo wir heute die Tracht zum umhegten Reservat einer unhistorischen Idylle verklären und zur Flucht aus der Gegenwart nutzen, wird die Traditionspflege zur Idolatrie und zum Mummenschanz.

Gibt es eine bessere Alternative? Vielleicht genügt es, die Perspektive zu ändern. Uns weniger für die Tracht und die Mode an sich als vielmehr für diejenigen zu interessieren, die beides (oder eins von beiden) tragen. Den Blick von den Begriffen und damit zwangsläufig auch den Klischees abzuwenden und stattdessen die Menschen ins Auge zu fassen. Dann zeigt sich jenseits modischer Zwänge und Stildiktate, dass die Kleidung über die Jahrtausende weg eine Reihe von Funktionen erfüllte, die über Nutzen, Notwendigkeit und Neues um des Neuen willen hinausweisen. Seit jeher diente sie dazu, sich zu schmücken, den Rang, die Rolle und das Selbstverständnis ihres Trägers auszudrücken, bestimmte gesellschaftliche Anlässe oder individuelle Stimmungen anzuzeigen und vieles mehr. Über den Gebrauchszweck hinaus fungierte sie als Sprache und Ausdrucksmittel. Daran hat sich bis heute nichts Wesentliches geändert. Nur das Spektrum modischer Alternativen, die uns zur Verfügung stehen, ist vermutlich größer denn je. Dazu leistet die Bekleidungsindustrie ebenso ihren Beitrag wie die Tracht – und die Unzahl exotischer Kleidungsstücke und Accessoires, die dank der Globalisierung mittlerweile fast überall auf der Welt erhältlich sind, multipliziert die Optionen noch einmal.

Das eröffnet jedem – Mann oder Frau – die Möglichkeit und Chance, einen persönlichen, auf unterschiedliche Anlässe und wechselnde Stimmungen reagierenden Bekleidungsstil zu kreieren, der es an Ausdrucksvermögen und Wandelbarkeit mit dem menschlichen Mienenspiel aufzunehmen vermag. Spiel (und die Lust am Spiel) ist auch darüber hinaus ein wichtiges Stichwort. Denn jede Kleidung ist, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, in gewissem Sinn immer auch eine Verkleidung – aber sie ist eine Verkleidung, die ihren Träger nicht verbirgt, sondern seine Persönlichkeit oder bestimmte Aspekte seiner Persönlichkeit akzentuiert und hervortreten lässt. Auf der Bühne des Lebens trägt sie bei zu seiner Unverwechselbarkeit und unterstreicht seine Individualität und seinen Charakter. Ohne dieses Spiel wären das Leben und die Kultur unvergleichlich ärmer.

Wer sich bewusst auf dieses Spiel einlässt, wird modische Innovationen freudig aufgreifen, wo er sich in ihnen wiederfindet und wo sie ihm neue Ausdrucksmöglichkeiten bieten. Aber er wird sich nicht zum Sklaven des jeweils letzten Schreis machen lassen.

Und bleibt dabei nicht allein. Einige der besten und interessantesten zeitgenössischen Modeschöpfer nehmen diese Haltung und dieses Bedürfnis ernst. Diese Designer haben den Ehrgeiz, Neues zu schaffen, das an Vorhandenes anknüpft und gleichzeitig eine gestalterische Qualität aufweist, die nicht bereits in der nächsten Saison wieder ihre Gültigkeit einbüßt. Interessanterweise beschreiben sie ihr Ideal sehr häufig in ähnlichen Worten. Sie möchten, so sagen sie, Kleider schaffen, in denen ihr Träger »wohnen« kann. Kleider also, die ihn über viele Jahre begleiten können und zum Teil seines Lebens werden. Objekte, die eine solche Eigenschaft aufweisen, nennt man gemeinhin Lieblingsstücke. Nicht jedes Lieblingsstück ist ein Klassiker – aber umgekehrt gibt es wohl nur wenige Klassiker unter den Kleidungsstücken, die nicht schon in einem frühen Stadium ihrer Existenz die Ehre hatten, von ihren Trägern zu Lieblingsstücken erkoren zu werden. Und die nicht bis heute ihre Liebhaber fänden.

Und damit sind wir beim Anliegen des Trachten-Kontors. Dieses richtet sich nicht auf komplette Trachten-Kollektionen, sondern eben auf Einzelstücke, die sich von der Masse und erst recht von gesichtsloser Dutzendware abheben. Jedes hat historische Vorbilder, aber sie wirken nicht alt, sondern auf traditionsbewusste Weise heutig. Das liegt zum einen daran, dass ihnen die Fachleute des Trachten-Informationszentrums ihre eigentliche Funktion und Aussage, also ihre expressive Kraft bewahrt oder zurückgegeben haben. Zum anderen an den hohen Ansprüchen an Material und perfekte handwerkliche Verarbeitung, mit der sie von Meistern ihres Fachs hergestellt werden. Unikate, die zu Lieblingsstücken und langjährigen Begleitern werden können. Das hat – in der Tracht wie in der Mode – Seltenheitswert.

Soviel als vorweggenommenes Fazit zu den auf den folgenden Seiten präsentierten Beispielen: Das Angebot des Trachten-Kontors wendet sich an Menschen, die mit dem Bekenntnis zu ihren persönlichen Lieblingsstücken die müßige Frage nach Tracht oder Mode hinter sich lassen. Und denen die Kreation und Weiterentwicklung eines individuellen Stils wichtiger ist als die Jagd nach dem letzten Schrei.

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