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Das unsichtbare Band

Ganesha ist ein indischer Gott mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Elefanten. Mehr noch als seine Gestalt fasziniert mich die Geschichte, die mir eine alte Inderin dazu erzählt hat. Aus Bronze oder Messing gefertigte Statuetten des Gottes gelten als Glücksbringer; sie werden aber nicht vererbt, sondern an Personen weitergegeben, denen man zu besonderem Dank verpflichtet ist. Durch je mehr Hände ein Ganesha gegangen ist, desto größer seine Kraft und desto höher sein Wert. So zieht er, die Grenzen von Familien- oder Kastenzugehörigkeiten, aber auch von Gemeinden und Regionen sprengend, über die Jahrzehnte oder Jahrhunderte seine Bahn durch die Gesellschaft. Weil aber unzählige Ganeshas von Hand zu Hand gehen, deren Bahnen einander kreuzen und überschneiden, entsteht daraus ein dichtes Geflecht menschlicher Beziehungen. Was diese Menschen miteinander verbindet, ist nicht nur der Glaube an das Glück, sondern –vielleicht noch wichtiger – der Respekt, den sie dem Wert der Dankbarkeit zollen.

Die Gabe. Die Spur, die sie hinterlässt. Das unsichtbare Band zwischen Menschen unterschiedlichen Standes: alles das ist noch wichtiger als Ganesha selbst. Doch ohne ihn würde es nicht existieren. Darum sind Traditionen so viel mehr als das gedankenlose Festhalten an überlieferten Sitten und Gebräuchen. Nicht die Äußerlichkeiten zählen, sondern ihr Gehalt – das, wofür sie stehen, was sie im Umgang miteinander bewirken und was die Zeiten und Generationen überdauert.

Und daraus erwächst eine besondere Verantwortung.
Denn es gehört zwar zu den Anliegen des Trachten-Informationszentrums, die Geschichte der Tracht zu erforschen und zu dokumentieren. Das ist aber kein Selbstzweck. Die Vergangenheit bleibt vergangen, auch wenn wir ihr noch so viel Aufmerksamkeit schenken. Die Tracht hingegen ist weiterhin lebendig – und dazu beizutragen, dieses Leben zu erhalten und ihm eine Zukunft zu geben: darinbesteht unser wichtigstes Ziel.

So wurde die Idee des Trachten-Kontors geboren. Was Sie auf den folgenden Seiten finden, orientiert sich an historischen Stücken, die meine Mitarbeiter und mich besonders beeindruckt haben. Es handelt sich bei den Angeboten des Kontors allerdings nicht, wie so oft in Museums-Shops, um bloße Repliken dieser Glücksfunde. Uns ging es darum, die historischen Stücke neu und zeitgemäß zu interpretieren, ohne dem Geist des Originals untreu zu werden.

Das ist keine Herausforderung, die das Trachten-Informationszentrum allein zu bewältigen vermöchte. Zum Glück ist Begeisterung ansteckend. Wir konnten einige der besten Handwerker, Meisterbetriebe und Firmen von heute dafür gewinnen, die Herausforderung mit uns zu teilen. Die Ergebnisse lasse ich gerne für sich selbst sprechen. Ich denke, auch die Schöpfer der »Vorbilder« würden ihnen ihren Respekt nicht versagen. Ein größeres Kompliment ist kaum denkbar.

Vielleicht, so wünsche ich mir, haben die Angebote des Trachten-Kontors dereinst selbst ihre Geschichten zu erzählen. Geschichten von gestern, Geschichten von heute, Geschichten von morgen. Mein Traum wäre, daß das unsichtbare Band, dem sie ihre Existenz verdanken, auch weiterhin Menschen miteinander verbindet.

Alexander Wandinger
Trachten-Informationszentrum des Bezirks Oberbayern

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