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Lustgewinn von Mahl zu Mahl

Die Beziehung zwischen Handwerkern und ihrem Werkzeug ist von besonderer Art – ob es sich um das Beil des Holzfällers, den Hobel des Tischlers oder Michelangelos Meißel handelt. Den Besten unter ihnen ist ihr Werkzeug heilig. Entweder ein verehrter Meister hat es ihnen vererbt, oder sie haben lange danach gesucht. Es soll seinen Zweck perfekt erfüllen, optimal in der Hand liegen, das Auge erfreuen und ein Leben lang dabei helfen, meisterhafte Arbeit zu leisten. Außenstehenden mag das wunderlich erscheinen: Wie kann man sein Herz so sehr an Dinge hängen. Aber der Handwerker, der sich an höchsten Ansprüchen misst, empfindet sein Werkzeug nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Teil seiner selbst.

Leider gilt auch der Umkehrschluss: Von Handwerkern, die ihr Werkzeug geringschätzen oder vernachlässigen, ist auch sonst nicht viel Gutes zu erwarten. Man könnte das für den Normalfall halten, aber vielleicht liegt das daran, dass sich uns negative Erfahrungen wirksamer einprägen als gute Nachrichten und positive Überraschungen.

Wie immer es sich damit verhalten mag – es gibt gute Gründe dafür, unseren Werkzeugen mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als es für gewöhnlich der Fall ist. Jedenfalls da, wo wir selber Handwerker geblieben sind, sofern wir uns nicht ausschließlich von Fastfood ernähren. Also beim Essen. Allerdings stand das Besteck, das Handwerkszeug der Feinschmecker und Genießer, gesellschaftlich schon mal höher im Kurs als heute. Noch vor wenigen Jahrhunderten gehörte es bei Hof und in Adelskreisen generell zum guten Ton, sein eigenes Besteck zu besitzen und bei öffentlichen Anlässen damit zu glänzen. Bestecke waren Statussymbole; je kostbarer sie gearbeitet waren, desto höher das Ansehen ihrer Besitzer.

Wie so viele Statussymbole blieben freilich auch die »persönlichen Bestecke« kein Privileg des Adels, sondern gelangten in in der Folge auch im Bürgertum und in bäuerlichen Schichten zu Ehren. War das ein Abstieg? Auf den ersten Blick ja: bäuerliche Bestecke sind weniger reich verziert, ärmer an Schnörkeln und verspieltem Firlefanz. Dafür treten Zweckbestimmung und Funktion stärker in den Vordergrund, ohne indessen das Bedürfnis nach Schmuck und Distinktion ganz zu verdrängen. Das gereicht ihnen keineswegs zum Nachteil: Einfachheit, Klarheit und Reduktion aufs Wesentliche kommen dem heutigen Geschmack stärker entgegen als sichtbar zur Schau getragene Opulenz.

Noch in anderer Hinsicht entsprechen diese schlichten, aber mit Sorgfalt und Liebe gefertigten Esswerkzeuge dem Geist unserer Zeit. Denn mit der Aufwertung der Esskultur in den vergangenen Jahren – man denke nur an die Flut von Kochbüchern und Kochsendungen sowie den Boom von Gourmet-Restaurants – sind auch die Erwartungen ans Drumherum gestiegen, Küchen- und Esswerkzeuge nicht ausgenommen. Das Nützliche soll sich mit dem Schönen, die Funktion mit der Ästhetik verbinden, und beides in Genuss und Lustgewinn kulminieren. Die historischen Vorbildern nachempfundenen Bestecke auf den folgenden Seiten brauchen in dieser Hinsicht keinen Vergleich zu scheuen. In mancher Hinsicht – etwa was Material und Schliff der Messerklingen betrifft – lassen sie die Originale handwerklich weit hinter sich.

Ein wenig Vorsicht kann dennoch nicht schaden. An der festlich gedeckten Tafel von Freunden oder im Feinschmeckerlokal sein eigenes Besteck aus der Tasche zu ziehen, empfiehlt sich eher weniger. Doch nichts spricht dagegen, es anderen als den traditionellen Verwendungsweisen zuzuführen. Sind stilvoll zelebrierte Picknicks mit edelsten Zutaten nicht grade wieder groß im Kommen? Wer dazu ein solches Besteck mitbringt, wird neugierige Blicke ernten. Bewundernde Bemerkungen hören. Und – wer weiß – den einen oder anderen Nachahmer finden. Auf diese Weise werden Trends geboren.

Zugegeben, dafür waren diese Bestecke ursprünglich nicht gedacht. Aber Werkzeuge sind dazu da, immer wieder Neues hervorzubringen. Und Traditionen bleiben lebendig, solange sie das Leben der Menschen bereichern.

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